Kunst für das Chthuluzän?

Text: Michael D. Schmid

Lässt sich Donna Haraways komplexe Theorie, die sie im Buch Staying With The Trouble entfaltet, auf Kunstwerke anwenden? Die Frage wird anhand von vier Kunstwerken untersucht, in denen Aspekte von Haraways Theorie interpretativ oder experimentell entdeckt werden können – auf den Ebenen von Thema, Form und Wirkung. Es gilt dabei zu betonen, dass diese Kurzbeiträge keine Abhandlungen, sondern lediglich Gedankenanstösse sind.

 

Jan Brueghel d. J. (1601-1678): Der Weg zur Arche Noah, Öl auf Holz, um 1650

Die Geschichte von Noah (Gen 5-9) handelt von der Rettung von Noahs Familie und aller Tiergattungen. Jan Brueghels barockes Gemälde zelebriert die Vielfalt der Arten im Zuge eines naturalistischen Darstellungsversuchs der Tiere.

Anknüpfungspunkte zu Haraway: Haraway fordert die Fortexistenz (ongoing) des Menschen trotz allen angerichteten Schadens an der Seite anderer Spezies. Sie lehnt sowohl eine hoffnungsvolle Perpetuierung der bisherigen Handlungs- und Denkweisen, als auch einen apokalyptischen Defätismus ab. Wie Noah? Noah wendet sich von der bestehenden, dekadenten Gesellschaft ab, orientiert sich aber auf eine Zukunft trotz und nach der Sintflut hin.

Widersprüche zu Haraway: Haraway lehnt alle Formen des Monotheismus ab. Dies ist möglicherweise dem Umstand geschuldet, dass Haraway hierarchische Strukturen – und deshalb wohl auch eine gebietende patriarchalische Gottheit, wie sie im Alten Testament geschildert wird – grundsätzlich ablehnt. Die Taube, die mit ihrem Palmzweig Noah des Ende der Sintflut ankündigt, ist auch ein Hoffnungssymbol. Auch der Hoffnung steht Haraway mit ihrem Konzept der ongoing-Fortexistenz kritisch gegenüber. Gäbe es Möglichkeiten, Haraways Ansatz wieder mit dem Theismus zu versöhnen?

 

Ennio Morricone (*1928): Il Buouno, il Brutto, il Cattivo (Main Theme), 1967

Morricones Musik zu Sergio Leones berühmten Italo-Western überschreitet die Grenzen zwischen U- und E-Musik und versetzt seine Musik mit lautmalerischen Elementen (Rhythmus auf der Basis von Pferdegetrappel, Kojotengeheul, Rufe). Dies könnte man unter dem Gesichtspunkt von Interart sehen. Überhaupt leistet Leones Italo-Western einen bemerkenswerten Spagat zwischen Kunstfilm und Unterhaltungsfilm, und überwindet so den artifziellen Antagonismus von Hochkultur und Populärkultur. Auch das könnte Interat sein: Nicht nur die Grenzen von Kunstgattungen und wissenschaftlichen Disziplinen aufheben, sondern auch jene zwischen den vom bildungsbügerlichen Establishment hervorgebrachten, analytisch aber wertlosen qualitativen Antagonismus der „ernsthaften Hochkultur“ und der bloss „unterhaltenden Populärkultur“.

Anknüpfungspunkte zu Haraway: Mensch, „Nutztier“ und „Wildes Tier“ werden musikalisch zusammengeführt. Kann dies als Reflexion über ihre notwendige Koexistenz gedeutet werden?

Widersprüche zu Haraway: Weniger vereinbar mit Haraways Ansatz ist möglicherweise die Filmhandlung: Das eigennützige, skrupellose Gewinnstreben der Figuren wird in einer für den sozialkristischen Italo-Western der 60er-Jahre typischen Weise gleichzeitig zynisch und zelebrierend dargestellt.

 

Ernesto Neto (*1964): GaiaMotherTree, Installation im Hauptbahnhof Zürich aus Textilien und Gewürzen, 2018

Der brasilianische Künstler Ernesto Neto schuf diese begehbare handgewobene Textilinstallation (beschwert mit Gewichten aus Gewürzen) in Form eines riesigen Baumes auf Einladung der Fondation Beyeler. Das Interart-Moment könnte hier in den potentiellen Interaktionen zwischen Kunstwerk und Perzipierenden konstatiert werden: Die Passant*innen begehen das Kunstwerk, sitzen darauf, riechen daran, ziehen vielleicht an den Netzmaschen und werden so vielleicht selbst Teil eines Netzwerks.

Anknüpfungspunkte zu Haraway: Die Installation bildet ein Netzwerk und erinnert an eine (überdimensionierte) String Figure.

Die Skulptur schafft inmitten eines Symbols des Anthropozäns (Bahnhof) einen Raum, der eine Besinnung auf andere Spezies, auf die „Mutter Erde“ erlaubt, der eine spirituelle Verknüpfung mit der Schöpfung (ein Wort, das Haraway aber vermutlich ablehnen würde) ermöglicht.

Die griechische Göttin Gaia ist die Personifikation der Erde und wird als Urmutter beschrieben. Haraway bezieht sich explizit auf den Gaia-Mythos (S. 51-52) und verortet diesen im Chthuluzän.

Widersprüche zu Haraway: Die Konzeption der Gaia als nährende Mutter lehnt Haraway ab. Gäbe es eine Möglichkeit, diese Idee der nährenden Erdgöttin mit Haraways Konzept wieder zu versöhnen?

 

Andrej Tarkovskij (1932-1986): Сталкер (Stalker), Spielfilm, 1979

Der Film von Andrej Tarkovskij basiert frei auf der Science-Fiction-Erzählung Пикник на обочине (Picknick am Wegesrand) der Brüder Arkadij Strugackij (1925-1991) und Boris Strugackij (1933-2012). Im Film begeben sich ein Schriftsteller und ein Professor unter der Führung eines Geländekundigen (Stalker) in die geheimnisvolle Zone. Die Zone ist ein streng bewachtes Sperrgebiet, das wunderbare und wunderwirkende Orte umschliessen soll, darunter einen Raum der Wünsche. Als sie diesen finden, stellen sie fest, dass er ihnen nicht weiterhelfen kann. Kann der Film als naturalcultural Gesamtkunstwerk gelesen werden?

Anknüpfungspunkte zu Haraway: Die Ästhetik des betont langsamen Films ist geprägt von eindringlichen Landschaftsbildern, oft verlassene Industrieruinen, Relikte menschlichen Schaffens und Wirtschaftens, die sich die Natur nun allmählich zurückerobert. Der Begriff naturalcultural von Haraway ist auf diesen Film anwendbar.

Widersprüche zu Haraway: Die wunderwirkende Zone scheint ursächlich durch eine Einwirkung von oben (Komet? Aliens?) entstanden zu sein – dies widerspricht Haraways Betonung des Erdgebundenen, Chthonischen. Dabei stellt sich die Frage, inwieweit diese Erdverbundenheit bei Haraway nur als Metapher dient.

Die Figuren scheinen von einem eigennützigen Idealismus getrieben, den Haraway ablehnt. Allerdings hat der lange Weg zum Raum der Wünsche eine desillusionierende Wirkung auf sie. Desillusionierung ist wohl durchaus im Sinne Haraways, solange sie nicht zu Resignation oder Verzweiflung, sondern zu einer ongoing-Lebenspraxis führt.

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