Zusammenkunft in der totalen Vereinzelung? Ein Essay über die Spuren einer Gemeinschaft in der Performance Faust von Anne Imhof

Text: Julian Obertopp

Die Performance Faust der Künstlerin Anne Imhof wurde in regelmässigen Aufführungen mit einer Dauer von jeweils fünf Stunden auf der 57. Venedig Biennale 2017 im Deutschen Pavillon gezeigt. Die für Faust ausgewählten Performer*innen waren vor allem Menschen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis der Künstlerin. Menschen, welche mit Anne Imhofs Arbeit und ihrem künstlerischen Ansatz vertraut waren, da sie teilweise bereits vor den Aufführungen der Performance Faust zusammengearbeitet hatten. Mehrere Stimmen aus der Medienberichterstattung sowie die Kuratorin Susanne Pfeffer betonten, dass es sich weniger um eine in sich geschlossene künstlerische Arbeit handelte, sondern um eine Besetzung des Deutschen Pavillons mit einem offenen Ende.[1] Die Besetzung eines Raumes oder Ortes kann in diesem Kontext, als ein kollaborativer Akt aufgefasst werden, welcher ein gemeinsames Interesse, ästhetische oder politische Anliegen voraussetzt. Die Performer*innen verblieben allerdings während der Aufführungen vereinzelt und in eine eigentümlichen Selbstbezogenheit verstrickt.[2] Folgt man der Auffassung der Kuratorin Susanne Pfeffer, wurde eine Situation erzeugt, in der alles offen schien, in der sich zwar keine Gemeinschaft, so doch eine Zusammenkunft abzeichnete.[3] In dem hier vorliegenden Essay möchte ich daher jenen Aspekt des eigentümlichen Zusammenkommens der Anwesenden während der Aufführungen von Faust mit den Gedanken Jean-Luc Nancy zu einer Dekonstruktion des Gemeinschaftsbegriffes in Verbindung bringen.

Nancy entwickelte, wie ich zeigen möchte, einen Gemeinschaftsbegriff, welcher sich in kritischer Distanz zu totalitären Konzepten von Gemeinschaft, wie sie sich im Faschismus, aber auch in bestimmten Realisierungen des Kommunismus angestrebt wurden, verortet und demgegenüber das Ereignishafte, das Flüchtige einer Entstehung von Gemeinschaft aufzeigt. Die kritische Auseinandersetzung mit den Ideen von Gemeinschaft im Faschismus scheint mir hier insbesondere in Bezug auf die Umbauten des Deutschen Pavillons durch die Nationalsozialisten interessant, welche noch in der gegenwärtigen Architektur des Pavillons sichtbar sind und für die dort ausstellenden Künstler*innen ergiebiges Material darstellte, sich auf kritische Weise mit jenem dunklen Kapitel der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen.

 

Spuren einer Gemeinschaft in der Performance Faust von Anne Imhof

Für die Performance Faust wurde der Deutsche Pavillon in den Giardini der Venedig Biennale mit einem zweiten gläsernen Boden ausgestattet.

Die Implementierung von Glas verbinde Macht symbolisierender Elemente der Architektur von Banken und Finanzzentren mit der des Deutschen Pavillons, wie die Künstlerin Anne Imhof in einem Interview erklärt. Das Glas wurde unter anderem als Material genutzt, in dem die Körper der Performer*innen gegen das Glas gedrückt wurden, wodurch sich ihre Körper verformten.[4] Darüber hinaus war es der Künstlerin ein Anliegen, die Körper der Besucher*innen räumlich zu erhöhen.[5] Weitere Elemente aus Glas waren freistehende Podeste, welche von den Performer*innen während der Aufführungen genutzt wurden.[6] Die Performer*innen hielten sich sowohl auf, als auch unter dem zweiten Glasboden auf, sodass die Zuschauer*innen zum Teil von den Performer*innen quasi räumlich getrennt waren. Vorübergehend ergaben sich auch Situationen, in denen die Zuschauer*innen über den Performer*innen standen und nur durch das Glas getrennt waren.

Die Bewegungen und Aktionen der Performer*innen wurden von der Künstlerin per Textmessage gesteuert und folgten keinem vorgegebenen Skript. Vielmehr ergaben sich die Aktionen aus der Situation heraus, wurden aber dennoch von den Performer*innen nicht selbst initiiert. Die Gesten der Performer*innen waren ohne Bedeutung und sie waren sich dessen bewusst, wie Susanne Pfeffer schreibt. Bewegungen, welche auf körperliche Rituale oder sexuelle Praktiken verweisen, fanden immer schon vermittelt statt.

Körper seien permanenten Prozessen der Kommodifizierung ausgesetzt, welche nicht nur die Körperoberfläche, sondern auch die subkutanen Bereiche, hervorgerufen und gesteuert etwa durch die Pharmakologie, betreffe.[7] Diese Herrschaft über den Körper wurde, wie Pfeffer argumentiert, durch die Position der Performer*innen im Raum evident: Ihre Funktion wechselte zwischen Ware, Skulptur und Körper, wodurch die Untrennbarkeit von Verdinglichung der Subjekte und Vermarktung der Körper dargestellt wurde.[8] Performer*innen und Zuschauer*innen waren räumlich nicht voneinander getrennt, und dennoch fand während der Dauer der Performance keine Kommunikation statt, obgleich Blicke ausgetauscht wurden.[9]

Die Beobachtungen Susanne Pfeffers scheinen mir für die Fragestellung dieses Essays von Bedeutung, da sie zum einen das Verhältnis der im Raum anwesenden Personen, von sowohl Performer*innen als auch Zuschauer*innen, auf den Punkt bringen und zum anderen zentrale in der Performance verhandelte Phänomene beschreiben, welche die Position der Subjekte innerhalb von vernetzten und global kapitalistischen Gesellschaften betreffen.

Ist unter den Voraussetzungen einer permanenten und unmittelbaren Verwertung von Körpern, kulturellen Praktiken und Kommunikation Gemeinschaft überhaupt noch denkbar, geschweige denn realisierbar? Welche Weisen des Widerstandes lassen sich finden, in einer Situation, welche von einer nicht endenden Verdinglichung menschlicher Beziehungen strukturiert ist? Möglicherweise müssen zunächst einmal Räume und Situationen geschaffen werden, welche die ökonomischen Bedingungen einer globalisierten Welt und damit auch die Rolle der digitalen Technologien in der Kopplung mit den menschlichen und nicht menschlichen Körpern aufzeigen. Susanne Pfeffer schreibt hierzu passend von der Besetzung des Raumes, des Deutschen Pavillons, durch die Performer*innen:

Allein im Zusammenschluss als Gruppe von Körpern und in der Besetzung von Raum kann sich Widerstand formieren. Auf den Balustraden und Zäunen, im Untergrund und auf dem Dach, erobern und besetzen die Performer den Raum, das Haus, den Pavillon, die Institution, den Staat.[10]

Die Performance zeichnete sich gerade nicht durch das Vorhaben aus, die Grenzen von Publikum und Performer*innen porös werden zu lassen und eine Form von Gemeinschaft im Sinne einer partizipativen Einbeziehung des Publikums herzustellen.[11] Sowohl unter den Performer*innen als auch zwischen Performer*innen und Publikum verblieb während der Aufführungen eine eigentümliche Distanz, wie Juliane Rebentisch feststellt: „Hier entsteht keine Gemeinschaft. Nicht nur bleibt die Asymmetrie zwischen Performern und Publikum bestehen, selbst wenn Erstere gleich Wächtern sehr nah an Letzterem stehen.“[12]

Auf diese eigentümliche Distanz werde ich später in Bezug auf Nancys Konzeption von Gemeinschaft zurückkommen. Zunächst sollen ein paar Beobachtungen von den Aufführungen zusammengetragen werden, welche das Verhältnis der Anwesenden im Raum deutlich machen: Eine Komponente, welche bei der räumlichen Aufteilung respektive Zusammenführung der Anwesenden im Raum zum Tragen kam, waren die Glaselemente, welche zugleich Nähe, augenblickliche Kontrolle und Distanz erzeugen konnten. Anne Imhof erläutert das Material Glas in Bezug auf die Raumerfahrung während der Aufführungen:

Die Materialität von Glas ist hart, aber transparent. Alles, was dahinterliegt, bleibt sichtbar. Mit dem Boden kann ich eine Fläche einziehen, eine Ebene, ohne dass etwas dahinter verschwindet. Es kann Dinge voneinander trennen und diesen Vorgang nachvollziehbar machen.[13]

Ein weiteres Element, welches dieses Wechselspiel zwischen Distanz, Vereinzelung und gleichzeitiger Verbundenheit erzeugte, war, wie Susanne Pfeffer schreibt, der Chor, welcher sich aus den Stimmen der Performer*innen zusammensetzte. Die Stimmen der Performer*innen wurden mithilfe von Mobiltelefonen verbunden, wodurch ihre zunächst individuellen Passagen nach und nach in einen Chor vieler Stimmen mündeten. Susanne Pfeffer spricht auch von einem „solipsistischen Chor“ der Einzelnen: „In der Gruppe formiert, bleibt die ziellose Individualität bestehen. Auch wenn sie gemeinsam singen, singen sie vom Ich.“[14] Mit Bezug auf die Verbindung zwischen den Anwesenden besteht, wie ich an dieser Stelle ergänzen möchte, auch eine technische Komponente, welche bei der Kopplung von Körpern und Artefakten zum Tragen kam. Wie Susanne Pfeffer treffend beobachtete, waren es Mobiltelefone, über welche die Bewegungen der Performer*innen gesteuert respektive der Chor initiiert wurde.[15]

Die Individuen blieben während der Aufführungen meistens für sich, doch gleichzeitig gab es, so möchte ich hier argumentieren, etwas, das die Anwesenden miteinander in Verbindung brachte. Es ist dieses verbindende Element der gemeinsamen Aktion, der Besetzung jenes Pavillons, in dessen Architektur die Ideologien der Nationalsozialisten und ihre Überzeugungen einer völkischen Gemeinschaft nachhallen.[16] Die einzige Antwort darauf kann nur eine radikale Gegenantwort sein, welche jegliche ideologisch gefärbten Konstrukte von Gemeinschaft ablehnt und die Zusammenkunft von menschlichen und nichtmenschlichen, organischen und nicht-organischen Körpern radikal anders denkt und imaginiert.  So zeigte sich, folgt man Juliane Rebentisch, die Arbeit von Anne Imhof als „offene Form“, welche eine Atmosphäre erzeugte,

[…] in der alles bedeutsam ist – oder nichts –, weil was sich zusammenbraut, in der Schwebe gehalten wird. „[…] Es werden keine geschlossenen Welten vor einem Publikum gestellt, sondern es werden Situationen hergestellt, in denen aus Zuschauern Anwesende werden, die selbst, und zwar schon durch ihre Stellungen und Bewegungen im Raum, latent aufs Geschehen Einfluss nehmen.[17]

Das Changieren zwischen Nähe und Distanz, zwischen Vereinzelung und Zusammenführung der Körper sowie das sich ständig verändernde Verhältnis von Performer*innen und Publikum erzeugte eben jenen Schwebezustand, in dem alles möglich ist oder nichts.

Was für eine Zusammenkunft fand hier also statt? Ist es möglich, einen Begriff von Gemeinschaft zu formulieren, welcher das Zusammenspiel von Körpern, das Aufbrechen von implizierten Versuchen Partizipation zu erzeugen fassen kann?

Um der Beantwortung der oben gestellten Frage näher zu kommen, möchte ich an dieser Stelle die Überlegungen von Jean-Luc Nancy, George Bataille, Helmuth Plessner, Ferdinand Tönnies und Max Scheler zum Begriff der Gemeinschaft anführen. Es können hierfür lediglich einzelne Aspekte des umfangreichen Denkens jener Theoretiker zu diesem Themenbereich dargelegt werden. Dennoch möchte ich versuchen, unter Berücksichtigung einiger Thesen der oben genannten Autoren, Jean-Luc Nancys nach wie vor aktuelles Konzept der Gemeinschaft auf die Performance von Anne Imhof zu beziehen, um einige Aspekte dieser ungewöhnlichen Form von Zusammenkunft während der Aufführungen von Faust erfassbarer werden zu lassen.

Ich möchte an dieser Stelle zunächst näher auf den allgemeineren Gemeinschaftsbegriff eingehen und mich auf Definitionen beziehen, welche sich mit Gemeinschaft kritisch auseinandersetzen und ihre geläufige Bedeutung hinterfragen. Im alltäglichen Sprachgebrauch steht Gemeinschaft beispielsweise für einen Verbund von Personen, welche intime Beziehungen pflegen und häufig räumlich eng zusammenleben. Gemeinschaft bildet in der geläufigen Definition einen Gegensatz zu den anonymen und arbeitsteiligen Gesellschaften, deren einzelne Mitglieder Teil einer Masse sind.[18] Mit Blick auf die Begriffsgeschichte im Kontext der abendländischen Philosophie, insbesondere in Hinblick auf die aristotelische Koinonalehre, diente der Terminus Gemeinschaft allerdings als Überbegriff für einen Verbund von Individuen.[19]

Erst der Soziologe Ferdinand Tönnies unterschied die Begriffe Gemeinschaft und Gesellschaft und bestimmte den gemeinschaftlichen Verbund als das „dauerhafte und echte Zusammenleben“ und Gesellschaft hingegen als etwas „vorübergehendes und scheinbares“. Nach Tönnies sei daher Gemeinschaft etwas dauerhaft beständiges, Gesellschaft hingegen neuartig.[20] Die Differenz von Gemeinschaft und Gesellschaft wurde zu Beginn des 20. Jahrhundert von dem Philosophen Max Scheler akzentuiert: Gemeinschaft steht bei Scheler für eine „personale Verbundenheit“, durch die das Individuum zu sich selbst finde, Gesellschaft hingegen sei gleichbedeutend mit der Öffentlichkeit, durch die es sich selbst fremd werde.[21]

Die Dichotomie von Gemeinschaft und Öffentlichkeit stellt eine erste Schwelle dar, welche ein Innen und ein Aussen erzeugt. Individuen sind durch bestimmte Attribute entweder Teil einer Gemeinschaft oder nicht. Gerade biologisch begründete Konzepte wie die „Gemeinschaft des Blutes“ führten in ihrer letzten Konsequenz in der Vergangenheit zu verheerenden Verbrechen, wie es die Massenmorde der Nationalsozialisten, welche auf Grundlage rassenideologischer Ideen einer „blutsmässigen“ Volksgemeinschaft begangen wurden, bezeugen.[22]

Jean-Luc Nancy analysierte diese Faszination der Faschisten für die Zusammenführung des Volkes zu einer Gemeinschaft auch als Sehnsucht der Faschisten nach einer Zusammenkunft und als Empfindung eines Verlustes ebenjener Gemeinschaft; ein Bestreben, welches auf das Verhältnis des Christentums zur Gemeinschaft zurückgehe.[23]

Die oben angerissene problematische Begriffsgeschichte von Gemeinschaft wird auch in Bezug auf die Ortspezifik der Performance Faust relevant. Das Vorhaben, das Verhältnis der Anwesenden während der Aufführungen mit Konzepten von Gemeinschaft zu analysieren, kann nur mithilfe einer kritischen Auseinandersetzung des Ortes respektive des Deutschen Pavillons, gelingen.[24]

Nancy, welcher im Austausch mit Maurice Blanchot sein Denken über Gemeinschaft entwickelte, bezog sich, wie Marvin Dreiwes schreibt, nicht nur auf die Problematik des Gemeinschaftsbegriffs im Kontext des Faschismus, sondern auch auf die gescheiterten Projekte des „realen Kommunismus“ der 1980er Jahre, deren Initiatoren die Idee der Gemeinschaft als politisches Vorhaben vorantreiben wollten.[25] Eine Triebkraft des Denkens über Gemeinschaft war für Nancy daher die Suche nach einem „Anfang […], der vor oder außerhalb des Einzelnen läge.“[26] Als Inspiration dienten Nancy Georges Batailles Überlegungen zur Gemeinschaft und die Suche nach einer Form von Gemeinschaft ohne Mythos.[27] Nancys Gemeinschaftsbegriff, schreibt Dreiwes, fusse auf Batailles Theorie der „starken Kommunikation“, den er in Verbindung mit Gemeinschaft gebracht habe. Mit diesem Begriff der Gemeinschaft sei „[…] das Gemeinsame auf einer ontologischen Ebene verortet. Dieses ausgesetzte Mit-Sein vollzieht sich als Kommunikation, die vor und über jeden Inhalt eine Beziehung stiftet und verbürgt.“[28] Nancys Konzeption der Gemeinschaft klammere Vorstellungen von mit der Gemeinschaft in Verbindung stehenden Individuen aus, ohne das Singuläre auszuschliessen, und bilde sich auf der Ebene der Existenz selbst.[29] Auch sei Gemeinschaft kein Werk, welches intentional hergestellt werden könne. Mit Bezug auf Bataille schreibt Nancy hierzu:

So gesehen hat Bataille sicher als erster oder zumindest am intensivsten diese moderne Erfahrung der Gemeinschaft gemacht: die Gemeinschaft ist weder ein herzustellendes Werk, noch die verlorene Kommunion, sondern der Raum selbst, das Eröffnen eines Raums der Erfahrung des Draußen, des Außer-Sich-Sein.[30]

Nancy bringt an dieser Stelle einen, wie ich denke, wesentlichen Punkt seiner Konzeption zur Sprache: Gemeinschaft wird von ihm nicht als etwas gedacht, das mit einer oder mehreren Ideologien in Verbindung steht, in dem Sinne, dass es für politische Projekte jeglicher Couleur instrumentalisiert werden könne. Vielmehr ist es etwas, „[…] was uns zustößt – als Frage, Erwartung, Ereignis, Aufforderung –, was uns also von der Gesellschaft ausgehend zustößt.“[31] Gemeinschaft ist das, was zwei Dinge in sich vereine: Die Gefahr, in einen Totalitarismus umzuschlagen und die Möglichkeit eines „allgemeinen Sinnes“.[32] In ihrer letzteren Fassung ist sie das, was dem Individuellen vorausgehe.[33] Der Zeitpunkt ihrer Realisierung verbleibt im Ungewissen, sie ist auf die Zukunft ausgerichtet und somit offen.

 

Schlussbemerkung

Abschliessend möchte ich mit Blick auf das weiter oben Dargelegte folgende Zwischenbilanz ziehen, welche schon wegen des begrenzten Umfangs des vorliegenden Textes nicht als vollständiger Schlussfassung des Gedankenganges gelten kann.

Die Tatsache, dass für die Faust Performance keine geschlossenen Konzepte von Partizipation oder Gemeinschaft vorgesehen waren, lässt, meiner Ansicht nach, eine Verknüpfung mit Nancys Gemeinschaftsbegriff zu. Eine Besetzung der Räumlichkeiten des Deutschen Pavillons während der 57. Venedig Biennale als Teil der künstlerischen Arbeit von Anne Imhof bedingt nicht zwangsläufig eine Gemeinschaft, allerdings wurde dadurch ein Raum geschaffen, in dem zukünftige Formen der Zusammenkunft überhaupt erst möglich wurden.

Momente des Widerstands oder des Innehaltens gegenüber einer zunehmenden Verdinglichung und Vereinzelung der Menschen, in einer Zeit, in der Maschinen Nähe vermitteln und uns dennoch auf Distanz halten, in der die Verwertung und Nutzbarmachung unserer Körper selbst intimste und verwundbarste Bereiche erobern, wurden während der Aufführungen gerade durch die Erfahrung eines Scheiterns von Gemeinschaft durch die konsequente Erhaltung von individueller Distanz während der Aufführungen erfahrbar. Vielleicht übermittelt uns die Performance von Anne Imhof die Botschaft, zunächst einmal eine Bestandsaufnahme des Gegebenen zu vollziehen und mit dem, was ist experimentieren und auf eine neue Art und Weise umzugehen. Zugleich verwies der kritische Gestus durch die Verweigerung jeglicher Formen einer intendierten Gemeinschaftsbildung auf die im Deutschen Pavillon eingeschriebenen Spuren völkischer Ideologien des Nationalsozialismus. Mit den Gedanken Nancys zur Gemeinschaft konnten hier Verbindungen hergestellt werden, welche an eine kritische Abarbeitung an der Architektur und Geschichte des Pavillons, aber auch im Hinblick auf vergangene und gegenwärtige faschistische Strukturen im Allgemeineren anknüpfen. Offen blieb die Frage, wie genau die Betonung auf Individualität der Performer*innen mit Nancys Konzept von Gemeinschaft vereinbar sei.

[1] Vgl. Gregori, Daniela: „Widerständige Körper und Bildgewalt“, (@GI_weltweit, 2017). URL: https:// www.goethe.de/de/kul/bku/21038292.html (14.09.2020). Und: Pfeffer, Susanne: Im Solipsistischen Chor. In: Fraczkowski, Nadine, Susanne Pfeffer und Biennale di Venezia (Hgg.): Faust, Köln: Koenig Books 2017, S. 1–9, hier S. 11.
[2] Vgl. Rebentisch, Juliane: Dark Play. Anne Imhofs Abstraktionen. In: Fraczkowski, Nadine, Susanne Pfeffer und Biennale di Venezia (Hgg.): Faust, Köln: Koenig Books 2017, S. 14–25, hier S. 31.
[3] Vgl. Pfeffer: Im Solipsistischen Chor, S. 11.
[4] Vgl. Ebd., S. 9.
[5] Vgl. Imhof, Anne und Susanne Pfeffer: Anne Imhof und Susanne Pfeffer im Gespräch. In: Fraczkowski, Nadine und Biennale di Venezia (Hgg.): Faust, Köln: Koenig Books 2017, S. 10–13, hier S. 18.
[6] Vgl. Pfeffer: Im Solipsistischen Chor, S. 9.
[7] Vgl. Preciado, Paul B.: Testo Junkie: Sex, Drugs, and Biopolitics in the Pharmacopornographic Era, übers. von Bruce Benderson, Berlin: b-books 2016, S. 208. Zitiert nach: Pfeffer: Im Solipsistischen Chor, S. 9.
[8] Vgl. Pfeffer: Im Solipsistischen Chor, S. 9.
[9] Vgl. Ebd., S. 10.
[10] Ebd., S. 11.
[11] Vgl. Rebentisch: Dark Play. Anne Imhofs Abstraktionen, S. 31.
[12] Ebd.
[13] Imhof/Pfeffer: Anne Imhof und Susanne Pfeffer im Gespräch, S. 18.
[14] Pfeffer: Im Solipsistischen Chor, S. 10.
[15] Ebd.
[16] Vgl. Witzgall, Susanne: Ein Ort der Heimsuchung. Der Deutsche Pavillon auf der Biennale in Venedig. In: Documenta Kassel, Skulptur Münster, Biennale Venedig, Bd. Band 13, Kontext Kunstpädagogik, München: Kopaed 2007, S. 264–273, hier S. 278.
[17] Rebentisch: Dark Play. Anne Imhofs Abstraktionen, S. 31.
[18] vgl. Bundeszentrale für politische Bildung: Gemeinschaft | bpb, (bpb.de, ohne Datum) URL:  https://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/politiklexikon/17536/gemeinschaft (08.09.2020).
[19] Vgl Ritter, Joachim, Günther Bien und Rudolf Eisler: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 3, überarbeitete Ausgabe des „Wörterbuchs der philosophischen Begriffe“ von Rudolf Eisler; Sonderausgabe 2019 Aufl., Darmstadt: wbg academic 2019, S. 8009/10.
[20] Vgl. Ebd., S. 8011.
[21] Vgl. Ebd., S. 8012.
[22] Siehe hierzu Helmut Plessners Definition „Grenzen der Gemeinschaft“ Plessner, Helmuth und Günter Dux: Gesammelte Schriften, Lizenzausgabe Aufl., Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2002, S. 55.
[23] Nancy, Jean-Luc: Die undarstellbare Gemeinschaft, Stuttgart: Edition Patricia Schwarz 01.01.1988, S. 41f.
[24] Robert Fleck schreibt hierzu, dass sich etwa seit Beginn der 1980er Jahre Künstler, wie Hans Haacke, Nam June Paik oder auch Joseph Beuys mit der Architektur des Deutschen Pavillons kritisch auseinandersetzten und sie in ihre künstlerische Arbeit mit einbezogen.  Siehe hierzu: Fleck, Robert: Die Biennale von Venedig: eine Geschichte des 20. Jahrhunderts, Bd. 177, Fundus-Bücher, Hamburg: Philo Fine Arts 2009, S. 198.
[25] Dreiwes, Marvin: „Jean-Luc Nancy: Die verleugnete Gemeinschaft (Marvin Dreiwes)“, (weiter-denken, Journal für Philosophie, 1/2019). URL: https://weiter-denken-journal.de/fruehjahr_2019_plurale_identitaet/Buchempfehlung.php (10.09.2020). Vgl. auch: Nancy, Jean-Luc: Die undarstellbare Gemeinschaft, S. 45
[26] Nancy, Jean-Luc und Peter Engelmann: Demokratie und Gemeinschaft: im Gespräch mit Peter Engelmann, Bd. 4, Passagen Gespräche, Dt. Erstausg., Wien: Passagen-Verlag 2015, S. 49.
[27] Vgl. Ebd.
[28] Dreiwes: „Jean-Luc Nancy: Die verleugnete Gemeinschaft (Marvin Dreiwes)“.
[29] Vgl. Ebd.
[30] Nancy: Die undarstellbare Gemeinschaft, S. 45.
[31] Ebd., S. 31.
[32] Vgl. Nancy/Engelmann: Demokratie und Gemeinschaft, S. 76.
[33] Vgl. Ebd.

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