Zu n, n-1 schreiben. Performative Strategien des Rhizom-Machens bei Deleuze und Guattari

Text: Sandra Biberstein

«Zu n, n-1 schreiben, Schlagworte schreiben: macht Rhizom, nicht Wurzeln, pflanzt nichts an! Sät nicht, stecht! Seid nicht eins oder viele, seid Vielheiten! Macht nie Punkte, sondern Linien. Seid schnell, auch im Stillstand. […]Macht Karten, keine Photos oder Zeichnungen! Seid rosarote Panther, und liebt euch wie Wespe und Orchidee, Katze und Pavian.» [1]

In der 1976 vorab veröffentlichten Einleitung ihres Buches Mille Plateaux (1980) modellieren Gilles Deleuze und Félix Guattari eine neue Art des Denkens. Es ist ein Denken ohne festen Ort, ein Denken in Bewegung, ein Denken in Linien. Es hat weder Ursprung noch Ende und auch keine Einheit, stattdessen hat es Vielheiten und ist ein «Werden». Anders als das klassische und moderne Denken, das Deleuze und Guattari mittels des Modells des Wurzelbaums und der büscheligen Wurzel beschreiben[2], bricht das rhizomatische Denken mit der Komplementarität von Subjekt und Objekt, Natur und Geist, sowie der «binären Logik der Dichotomie, die durch biunivoke (ein-eindeutige) Beziehungen»[3] bestimmt werde.

Sowohl im Buch Rhizom wie auch in Mille Plateaux begegnet man auf Textebene sowie in der Verschiebung des Frontispiz der beiden Bücher performativen Strategien. Diese verleiten dazu, das Buch selbst als rhizomatisch aufgebaut zu lesen. Das wird im Text selbst auch angedeutet: «Es gibt keinen Unterschied zwischen dem, wovon ein Buch handelt, und der Art, wie es gemacht ist.»[4] Diese Strategien werden in diesem Text nachgezeichnet.

 

Zu n, n-1 schreiben: Das Modell eines Denkens der Vielheiten

Um jegliche Transzendenz aus ihrem Text zu verbannen, brechen sie mit der Produktion von Subjektivität in ihrem Text: «Wir haben den „Anti-Ödipus“ zu zweit geschrieben. Da jeder von uns mehrere war, machte das schon eine Menge aus.» Denn «[s]obald man das Buch einem Subjekt zuweist, vernachlässigt man die Arbeit der Materialien und die Äusserlichkeit der Beziehungen. Man fabriziert einen lieben Gott der geologischen Bewegungen».[5] Wie das Buch solle auch eine Vielheit weder Objekt noch Subjekt haben,[6] der Fokus liegt auf der reinen Immanenz der verwendeten Materialien, beziehungsweise ihren Verkettungen und ihr Verhältnis zu anderen organlosen Körpern. Vielheiten entstehen nur dann, wenn sie keine Beziehung mehr zu totalisierenden Einheiten haben, wenn sie sich nicht in einer Struktur verfangen und auch nicht unter einer Einheit subsumiert werden.[7] Ihr Denken zeichnet sich also dadurch aus, dass in den Vielheiten das Eine nur als Einzelheit und nicht als übergeordnete, das Viele unter sich subsumierende Grösse akzeptiert wird:

«Das Viele (multiple) muss man machen: nicht dadurch, dass man fortwährend übergeordnete Dimensionen hinzufügt, sondern im Gegenteil ganz schlicht und einfach, in allen Dimensionen, über die man verfügt: jedesmal n-1 (Das Eine ist nur dann ein Teil der Vielheit, wenn es von ihr abgezogen wird). Das Einzelne abziehen, wenn eine Vielheit konstruiert wird; n-1 schreiben.»[8]

 

Performative Strategie auf Textebene: Verschieben der Begriffe und Bildlichkeiten

Das Wort Rhizom stammt ursprünglich aus der Botanik und beschreibt eine spezielle Form eines Wurzelstocks. Die Autoren bedienen sich der Charakteristika desselben, um ihr Modell des ‹Rhizoms› zu veranschaulichen. Folglich erscheint das Rhizom im Text (wie auch das Buch) sowohl als Gegenstand wie auch als Modell, wobei die Grenze zwischen beiden konsequenterweise unscharf ist:

«Als unterirdischer Spross unterscheidet sich ein Rhizom grundsätzlich von grossen und kleinen Wurzeln. Knollen und Knötchen sind Rhizome. Pflanzen mit grossen oder kleinen Wurzeln können in vielerlei Hinsicht rhizomorph sein: […] Auch Tiere sind es, wenn sie Meuten bilden, z.B. die Ratten. Ein Bau ist in allen seinen Funktionen rhizomorph: als Wohnung, Vorratslager, Rangiergelände, versteck und Ruine. Das Rhizom selbst kann die verschiedensten Formen annehmen, von der Verästelung und Ausbreitung nach allen Richtungen an der Oberfläche bis zur Verdichtung in Knollen und Knötchen.»[9]

Für die Modellierung des ‹Rhizoms› greifen Deleuze und Guattari nicht nur auf die organisch-biologischen Bestandteile des Gegenstandes Rhizom zurück, sondern auch auf Linien, Schichten, Segmente und Maschinen. Die Bildlichkeit des Rhizom-Models funktioniert im Text nach dem Prinzip der Konnexion und der Heterogenität:

«Semiotische Kettenglieder aller Art sind dort [in einem Rhizom] nach den verschiedensten Codierungsarten mit politischen, ökonomischen und biologischen Kettengliedern verknüpft; es werden also nicht nur ganz unterschiedliche Zeichensysteme ins Spiel gebracht, sondern auch verschiedene Arten von Sachverhalten. Die kollektiven Aussageverkettungen funktionieren tatsächlich unmittelbar in den maschinellen Verkettungen, und man kann keinen radikalen Einschnitt zwischen dem Zeichensystem und ihren Objekten ansetzen.» [10] 

Ein Rhizom verknüpft dabei «unaufhörlich semiotische Kettenteile, Machtorganisationen, Ereignisse in Kunst, Wissenschaft und gesellschaftliche Kämpfen»[11], lässt sich aber keinem seiner Kettenteile hierarchisch unterwerfen. Im Gegenteil, nach dem Prinzip der Vielheit verändert sich das ‹Rhizoms› als eine Vielheit: «Eine Verkettung ist gerade diese Zunahme in einer Vielheit, die sich in dem Masse automatisch verändert, in dem sich ihre Konnexionen vermehren.» [12] Dadurch verschiebt sich der Begriff des Rhizoms (Wurzelstock) und funktioniert als «Plateau»[13]: «Jede Vielheit, die mit anderen durch an der Oberfläche verlaufende unterirdische Stengel verbunden werden kann, so dass sich ein Rhizom bildet und ausbreitet, nennen wir ein Plateau.»[14]

Mit dem Modell des Rhizoms «deterritorialisieren», verschieben, zerstreuen, umdefinieren Deleuze und Guattari das Verständnis davon, was ein System ist. Während sich das klassische System – was der Baumwurzel entspricht – durch feste Punkte und feste Positionen innerhalb einer Totalität auszeichnet, lässt sich im Rhizom jeder beliebige Punkt mit jedem belieben anderen verbinden:

«Jeder beliebige Punkt eines Rhizoms kann und muss mit jedem anderen verbunden werden. Ganz anders dagegen der Baum oder die Wurzel, wo ein Punkt und eine Ordnung festgesetzt werden.» [15]

Nach dem Prinzip des asignifikanten Bruchs kann das Rhizom «an jeder beliebigen Stelle gebrochen und zerstört werden; es wuchert entlang seinen eigenen oder anderen Linien weiter.»[16] Somit enthält jedes Rhizom «Segmentierungslinien, nach denen es geschichtet ist, territorialisiert, organisiert, bezeichnet, zugeordnet; aber auch Deterritorialisierungslinien, auf denen es unaufhaltsam flieht.»[17] Diese Fluchtlinien, die durch einen Bruch im Rhizom entstehen, verweisen stets aufeinander, wodurch ein Dualismus ausgeschlossen werden kann. Dennoch birgt sich im asignifikanten Bruch auch eine Gefahr der erneuten Reterritorialisierung:

«Man riskiert aber immer, auch hier [beim Vollzug des Bruchs] auf Organisation zu stossen, die das Ganze erneut schichten, auf Formationen, die die Macht einem Signifikanten zurückgeben und auf Zuordnungen, die ein Subjekt wiederherstellen.» [18]

Die Deterritorialisierungsbewegung und Reterritorialisierungsprozesse umschreiben das «Werden» im Modell des Rhizoms. Als Beispiel dafür nennen Deleuze und Guattari die Orchidee, die die Form einer Wespe annimmt (deterritorialisieren), um diese anzulocken, währenddessen die Wespe sich auf diesem Bild reterritorialisiert, gleichzeitig aber auch die Orchidee reterritorialisiert durch den Transport des Blütenstaubs: «Wespe und Orchidee «machen Rhizom», insofern sie heterogen sind.» [19]

«[Es] handelt es sich um [das] Einfangen von Code, Mehrwert an Code, Vermehrung von Wertigkeit, wirkliches Werden, Wespe-Werden der Orchidee, Orchidee-Werden der Wespe; jedes Werden sichert die Deterritorialisierung des einen und die Reterritorialisierung des anderen Terms; das eine und das andere Werden verketten sich und lösen sich gemäss einer Zirkulation der Intensitäten ab, die die Deterritorialisierung immer weiter treibt. Es gibt weder Nachahmung noch Ähnlichkeit, sondern eine Explosion zweier heterogener Serien in die Fluchtlinie, die aus einem gemeinsamen Rhizom zusammengesetzt ist, […].»[20]

 

Performative Strategie auf Bildebene: die Verschiebung des Frontispiz

Dem Hinweis von Deleuze und Guattari folgend, dass man fragen soll, «womit ein Buch funktioniert, in welchen Verbindungen es Intensitäten strömen lässt»[21], fällt die Änderung des Frontispitz in Mille Plateaux auf: In der 1976 veröffentlichten Einleitung ist die Kopie eines Lexikoneintrages zum Rhizom (Bild 1) vorangestellt: Die Anschaulichkeit der biologischen Vorlage wird der Modellierung des Rhizoms jedoch nicht gerecht. In Mille Plateaux wurde der Frontispiz durch eine Notation (Bild 2) ersetzt, die so eine neue maschinelle Verkettung zum Rhizom schafft und das Modell wachsen lässt.

 

Bibliographie

Deleuze, Gilles/Guattari, Félix: Rhizom, Berlin 1977, S. 5-47.

Deleuze, Gilles/Guattari, Félix: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie, Berlin 1992.

 

Fussnoten:

[1] Deleuze, Gilles/Guattari, Félix: Rhizom, Berlin 1977, S. 41
[2] Vgl. Ebd, S. 8-10.
[3] Ebd, S. 9 und 10.
[4] Ebd. S. 7.
[5] Vgl. Ebd, S. 6.
[6] Vgl. Ebd, S. 6 und 13.
[7] Vgl. Ebd, S. 6 und 13.
[8] Ebd, S. 11.
[9] Ebd. S. 11.
[10] Ebd. S. 12.
[11] Ebd. S. 12.
[12] Ebd. S. 14.
[13] Vgl. Ebd. S. 36.
[14] Ebd. S. 35.
[15] Ebd. S. 11.
[16] Ebd. S. 16.
[17] Ebd. S. 16.
[18] Ebd. S. 16.
[19] Ebd. S. 17.
[20] Ebd. S. 16.
[21] Ebd., S. 7,
[22] Vgl. Deleuze, Gilles/Guattari, Félix: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie, Berlin 1992.

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