Правоугаони (п)оглед – der rechteckige Versuch

Text: Haris Kurtisi

Quarantäne, Lockdown und Isolation sind Begriffe, welche in Zeiten von Corona für jede Person und jeden Kontext eine andere Bedeutung und Relevanz haben. Die Zustände in der Schweiz waren jedoch nie so extrem, wie sie es in anderen Ländern waren. Und doch traf es den einen oder anderen, der sich in Selbstisolation begab. Die Isolation als Ereignis ist klar fassbar. Sie gibt vor, wie man sich zu verhalten hat, da sie von Behörden initiiert wurde. Eine Regierung spricht von einem Lockdown, wenn das öffentliche Leben stillsteht. Deshalb ist die Isolation als Konsequenz eines Lockdowns zu betrachten. Ich beschäftigte mich mit dem Erlebnis der Isolation. Eine mögliche Frage dabei war, welche Bedürfnisse eines Menschen in Isolation in den Vordergrund treten. Somit sehe ich die Isolation als einen sich verändernden Prozess, der verschiedene Formen annehmen kann. Persönliche Höhen und Tiefen im Prozess des Erlebens der Isolation sind normal. Ich habe einen Selbstversuch unternommen, wo ich Gedankengänge und Erlebnisse festzuhalten versuchte.

Es bedingt, dass ich die Rahmenbedingungen zuerst erläutere. Ich wohne in einer Zweier-WG in Zürich, wo ich mich in Selbstisolation begeben habe. Mein Mitbewohner war in den ersten drei Wochen nicht zu Hause, danach nur zwei Tage pro Woche. Der Zeitraum der Isolation begann Ende März.

Ich habe in meinen eigenen vier Wänden Inszenierungen fotografisch festgehalten. Sie spiegeln die Gedankengänge und Ideen wider, die ich mir vorgestellt habe. Die Quelle dieser Ideen waren eine Mischung aus Träumen und bewussten Erlebnissen. Eine meiner ersten Ideen war die Realisierung, dass es ein Drinnen und ein Draussen gibt. Ich erkannte schnell, dass ich nicht draussen sein kann, womit ich mich auf den inneren Raum konzentriert habe. Mir ging es darum, ob und wie ich die empfundene Leere erträglicher machen könnte. Eine wichtige Erkenntnis war, dass die Türschwelle zur Aussenwelt einen signifikanten Stellenwert hat. Die Schwelle erschien auf einmal unüberwindbar. Den einzigen Kontakt zur Aussenwelt hatte ich nur über den kleinen Balkon; auf dem siebten Stock wohnhaft, war jene Welt jedoch unerreichbar. Diese Feststellung erfordert die Einsicht, dass der Raum, in dem man gefangen schien, die Grundlage des eigenen Seins definiert. Für eine gewisse Zeit ist es möglich, drinnen nicht nur zu überleben, sondern zu leben.

Im Jahr 1978 hat das polnische Künstlerduo KwieKulik die Performance «The Monument Without a Passport» durchgeführt. Sie waren zur gleichen Zeit sowohl ans «Behaviour festival» in Arnhem (NL) als auch an die gesamtpolnische «Biennale of Young Art» in Sopot (PL) eingeladen. Die polnische Regierung stellte ihnen keine Reisepässe aus, was ihnen die Ausreise aus Polen unmöglich machte. Deshalb mussten sie Vorlieb nehmen mit der Aufführung im eigenen Land, denn gemäss ihrer eigenen Antwort an den Verantwortlichen der Biennale, wären sie lieber nach Arnhem gefahren. Der Pass, der hierbei die zentrale Rolle spielte, ist auch für mich ein wichtiges Thema. Aus KwieKuliks Skizze zur Performance ist der Gedanke zu entnehmen, dass «Denkmäler nicht reisen, weshalb sie auch keinen Pass brauchen».

KwieKuliks Performance beginnt mit folgender inszenierter Situation: Zofia Kuliks Kopf liegt auf einem Tisch. Der Kopf ist oben, die Tischplatte mit einem Loch in der Mitte bildet die Trennlinie am Hals anliegend (der Kopf scheint hindurchgesteckt), wobei der Oberkörper und die angewinkelten Beine unter der Tischplatte zum Vorschein kommen. Przemyslaw Kwiek legt um ihre Füsse ein Rechteck aus Brettern, welches er mit Gips zu füllen beginnt. Nach kurzer Zeit wird Kulik samt Tisch von Kwiek und einem Anwesenden auf eine erhöhte Plattform getragen und neben einen Stuhl, dessen Beine ebenfalls eingegipst sind, hingestellt. Kwiek setzt sich auf den Stuhl, Kulik steht auf und hält eine Mappe in der Hand. Kulik rollt ein Banner aus, welches hinter ihnen an der Wand hängt. Darauf ist zu lesen: «The Monument Without a Passport». Kuliks Haltung ähnelt einem Redner, sie bleibt aber regungslos.

Unabhängig von KwieKuliks Performance erfuhr der Pass auch in meinen performativen Versuchen eine wichtige Rolle. Ich sehe darin die Möglichkeit, nach freiem Willen zu reisen. Ich nehme als gegeben an, dass ein Reisepass primär zwei Funktionen innehat: Die Möglichkeit zu reisen auf der einen Seite und die Möglichkeit sich auszuweisen auf der anderen Seite. Beide Funktionen scheinen einander zu bedingen: Fehlt auch nur etwas einer Funktion, so lässt sich die jeweils andere nicht mehr ausüben. Das identitätsstiftende Moment sehe ich als nicht mehr gegeben, wenn mir die Möglichkeit zu reisen weggenommen wird. Umso verstörender, wenn es sich nicht um eine behördliche Anordnung handelt, sondern lediglich um eine Empfehlung der Behörden, die meine Identität als freier Mensch in Frage stellt.

Ein weiterer Bezug, der sich ergibt, ist die Performance «Triangle» von Sanja Iveković. Die Performance besteht aus vier schwarz-weiss Fotografien, die sie und die nahe Umgebung zeigen, und einem beschreibenden Text zu den Bildern. Der Text dazu lautet zusammengefasst etwa so, dass am 10. Mai 1979 der Konvoi des Präsidenten Titos an ihrem Wohnhaus in Zagreb vorbeifährt. Sie liegt, Selbstbefriedigung nachahmend, auf ihrem Balkon. Nach kurzer Zeit wird sie durch einen Sicherheitsmann unterbrochen, mit der Aufforderung, alles und jeden vom Balkon zu räumen.

Interessant für mich an ihrer Performance ist, dass sie sich ihrer Freiheit in ihren eigenen vier Wänden beraubt gefühlt haben mag. Sie tritt dabei aus ihrem Zuhause, also einer Art innerer Welt, in Kontakt mit der Aussenwelt. Der Balkon als Bindeglied beider Welten spielt eine wichtige Rolle auch in meinem Versuch. Sanja Iveković erreicht dies durch das Ausführen einer mutmasslich verstörenden Handlung, die jedoch auf den Bildern nie zu sehen ist, sondern nur im begleitenden Text nahegelegt wird. Die Antwort auf die Frage, wo der private Raum aufhört und wo der öffentliche beginnt, ergibt demnach eine verzerrte Wahrnehmung. In meinem Experiment versuchte ich ebenfalls dieser Frage nachzugehen.

 

Literatur:

Janevski, Ana. Art and its Institutional Framework in Croatia after ’68. In: Bishop, Claire/Dziewanska, Marta (Hg.). 1968-1989. Political Upheaval and Artistic Change. Warschau: Museum of Modern Art, 2009. S. 51-63.

Ronduda, Łukasz/Kulik, Zofia/Kwiek, Przemysław/Muzeum Sztuki Nowoczesnej (Hg.). KwieKulik: Zofia Kulik & Przemysław Kwiek. Zürich: JRP/Ringier, 2012. S. 290-293.

 

Fotografieausrüstung:

Nikon D7200 mit AF-S Nikkor 35mm 1:1.8 G und Stativ

 

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