To catch those unrecorded gestures: Kultur und Geschichte von ausgelassenen Positionen aus betrachten

Text: Neele Remmers

James Baldwin und Virginia Woolf – so unterschiedlich ihre Herkunft und die Themen, mit denen sie sich befassen, so zielen ihre Analyse-Methoden doch auf etwas Ähnliches ab. Beide Schriftsteller*innen versuchen sich an einer Schwächung der herrschenden Auffassung von Geschichte und Kultur und beleuchten persönlich und tiefgreifend andere Blickwinkel, die sich hinter weißen und patriarchalen Machtdynamiken verstecken. Beide beschäftigen sich mit konkreten kulturellen Gegenständen, die für sie für etwas anderes stehen als nur Affirmation einer Kultur.

 

Die Kathedrale von Chartres

In Stranger in the Village schreibt James Baldwin: “The cathedral at Chartres, I have said, says something to the people of this village which it cannot say to me” (Baldwin, Fremder im Dorf, S. 27). Diese Lesbarkeit, beziehungsweise Unlesbarkeit, eines kulturellen Textes hat Roland Barthes vier Jahre nach Stranger in the Village in Mythologies systematisch analysiert und dargestellt; nur durch die Präsenz eines historischen und kulturellen Hintergrundes in den Rezipient*innen empfangen die Rezipient*innen den Mythos und können ihn dann gegebenenfalls entschlüsseln und lesen (vgl. Barthes, S. 128). Daraus folgt aber auch, dass, wenn der historische und kulturelle Kontext nicht vorhanden ist,  die Rezipient*innen nicht in der Lage sind, den Mythos zu empfangen. Als Beispiel für einen Mythos zeigte jemand einmal die Ergebnisse einer Google-Bildersuche nach «Postauto». Weil ich die Schweiz – und ihre Mythen – nicht gut kannte, habe ich lediglich etwas gesehen, was ich als Fotos eines gelben Busses vor verschiedenen Berglandschaften bezeichnet hätte, während andere die Bilder als etwas empfingen, was ihnen viel mehr unterschwellige Botschaften vermittelte, vor allem Botschaften über die Schweiz als Nation. Eine ähnliche Situation schildert Baldwin; andere verstehen unter einem Gegenstand – die Kathedrale von Chartres – etwas anderes als er, was er nicht zu verstehen vermag. Baldwin führt diese Unlesbarkeit darauf zurück, dass er zum einen Schwarz ist und zum anderen in den Vereinigten Staaten aufgewachsen ist und deswegen eine andere Verbindung zur kulturellen Gegenständen hat als weiße Europäer*innen, obwohl er dennoch größtenteils mit den gleichen kulturellen Gegenständen aufgewachsen ist.

 

Brunnenschächte, Ketzer und Teufel

Allerdings geht der bereits zitierte Satz von Baldwin noch um einen Halbsatz weiter: “but it is important to understand that this cathedral says something to me which it cannot say to them” (Baldwin, S. 27). Ich weiß nicht mehr genau, was für Assoziationen ich mit dem gelben Bus hatte, bevor ich an dem Punkt war, an dem ich mich nun befinde und vertrauter mit Schweizer Mythen bin. Aber wahrscheinlich hätte ich früher oder später in die richtige Richtung gedacht; Schweizer Nationalmythen unterscheiden sich nur bedingt von anderen europäischen Mythen. Baldwin jedoch befindet sich als Afroamerikaner in einer gänzlich anderen Situation. Er ist auf eine gewisse Weise doppelt distanziert und abstrahiert von Europa und der Reihe von Gegenständen, Texten und Mythen, die vereinfacht als europäische Kultur zusammengefasst werden könnten. Die erste Abstraktion sind die Vereinigten Staaten, die in ihrer heutigen Form maßgeblich aus Europa hervorgehen:

America comes out of Europe, but these people have never seen America, nor have most of them seen more of Europe than the hamlet at the foot of their mountain. Yet they move with an authority which I shall never have; and they regard me, quite rightly, not only as a stranger in the village but as a suspect latecomer, bearing no credentials, to everything they have – however unconsciously – inherited. (Baldwin, S. 13)

Diese Idee von Erbe, die Baldwin wahrnimmt, stellt eine kulturelle Kontinuität dar, die er auch als Verwandtschaft bezeichnet: „The most illiterate among them is related, in away that I am not, to Dante, Shakespeare, Michelangelo, Aeschylus, Da Vinci, Rembrandt, and Racine“ (Baldwin, S.13). Baldwins ‚Verwandtschaft‘ mit diesen Künstler*innen ist ebenfalls vorhanden, aber über Umwege, die zunächst für die Europäer*innen, die Baldwin in Leukerbad in der Schweiz antrifft, nicht ersichtlich sind, weil sie mit den Problemen und der Geschichte der Vereinigten Staaten nicht direkt konfrontiert sind und den Luxus haben, einen besonderen Aspekt der europäisch-amerikanischen Geschichte ausblenden zu können.

Die zweite Abstraktion ist der transatlantische Sklav*innenhandel, der die Vorfahren eines Großteils der heute in den Vereinigten Staaten lebenden Afroamerikaner*innen auf den nordamerikanischen Kontinent brachte und einen tiefen Einschnitt in die US-amerikanische Vergangenheit bildet:

He [the ‚American Negro slave‘] is unique among the black men of the world in that his past was taken from him, almost literally, at one blow. One wonders what on earth the first slave found to say to the first dark child he bore. I am told that there are Haitians able to trace their ancestry back to African kings, but any American Negro wishing to go back so far will find his journey through time abruptly arrested by the signature on the bill of sale which served as the entrance paper for his ancestor. (Baldwin 20)

Durch diese doppelte Abstraktion hat Baldwin zwar Zugang zu ähnlichen kulturellen Artefakten – wie die Kathedrale von Chartres – aber dennoch eine gänzlich andere Sichtweise. Seine Ausgangslage oder Position ist außerhalb, von der herrschenden Macht nicht mitgedacht und als unbedeutend eingestuft, also auf allen Ebenen ausgelassen. Die Position des Ausgelassenen ermöglicht Baldwin eine Sichtweise, die nicht den europäischen Mythen folgen kann, die diese Kathedrale begleiten, eben genau weil etwas fehlt, was ihn davon abhält, die Mythen bedingungslos zu empfangen. So sieht Baldwin nicht die „power of the [cathedral‘s] spires, the glory of the windows“ (27). Er kennt Gott anders als weiße Europäer*innen und ist „terrified by the slippery bottomless well to be found in the crypt, down which heretics were hurled to death, and by the obscene, inescapable gargoyles jutting out of the stone and seeming to say that God and the devil can never be divorced“ (27). Und nicht nur die Entfernung von der Kultur, die die Kathedrale erschaffen hat, sondern auch seine persönliche Erfahrung wie weiße Menschen ihm begegnen, führen zu dem Terror, den er an der Kathedrale von Chartres wahrnimmt: „I doubt that the villagers [of Leukerbad] think of the devil when they face a cathedral because they have never been identified with the devil (27).

 

Löcher, kaltes Fleisch und geschlossene Türen

Eine in bestimmten Aspekten ähnliche Haltung fand ich nach Baldwin bei Virginia Woolf. Ihre Erfahrungen mit patriarchalen Machtstrukturen sind andere als die Erfahrungen mit weißen Machtstrukturen von Baldwin, dennoch verweisen sie beide auf einen europäischen Machtkomplex, der weiße, wohlhabende, männliche oder heterosexuelle Menschen mit Privilegien ausstattet, die Menschen ohne diese Eigenschaften nicht zugesprochen werden. Und auch Woolf weiß ihre Position als Ausgangspunkt einer Analyse zu nutzen und beschreibt, wie sie bestimmte Orte und Gegenstände anders betrachtet als gebildete männliche Personen:

And the result is that though we look at the same things, we see them differently. What is that congregation of buildings there, with a semi-monastic look, with chapels and halls and green playing-fields? To you it is your old school; Eton or Harrow; your old university, Oxford or Cambridge, the source of memories and of traditions innumerable. But to us, who see it through the shadow of Arthur’s Education Fund, it is a schoolroom table; an omnibus going to a class; a little woman with a red nose who is not well educated herself but has an invalid mother to support; an allowance of £50 a year with which to buy clothes, give presents and take journeys on coming to maturity. Such is the effect of Arthur’s Education Fund has had upon us. So magically does it change the landscape that the noble courts and quadrangles of Oxford and Cambridge often appear to educated men’s daughters like petticoats with holes in them, cold legs of mutton, and the boat train starting for abroad while the guard slams the door in their faces. (Three Guineas 115-116)

In Woolfs Blick findet sich vielleicht nicht direkt ein Terror, aber dennoch eine Schattenseite, die Menschen in einer höheren Machtposition nicht wahrnehmen, da sie sie nicht wahrnehmen müssen. Diese Schattenseite ist für Woolf gefüllt mit Mühen, Sehnsüchten und Unsicherheiten, die weibliche Personen erfahren, während männliche Personen sich bilden und sich mit weniger Pflichten und weniger Einschränkungen bewegen dürfen.

Woolf richtet ihren Blick auch auf Geschichte, in der sie überall Lücken und Leerstellen sieht, wo andere eine mit allem nötigen gefüllte Erzählung sehen:

But by no means could middle-class women with nothing but brains and character at their command have taken part in any one of the great movements which, brought together, constitute the historian‘s view of the past. Not shall we find her in any collection of anecdotes. […] She never writes her own life and scarcely keeps a diary; there are only a handful of her letters in existence. She left no plays or poems by which we can judge her. What one wants, I thought – and why does not some brilliant student at Newnham or Girton supply it? – is a mass of information; at what age did she marry; how many children had she as a rule; what was her house like, had she a room to herself; did she do the cooking; would she be likely to have a servant? (A Room of One‘s Own 44)

Baldwin bemerkt zu der Vergangenheit, dass sie für Afroamerikaner*innen immer auf einen bestimmten schmerzvollen Moment zurückzuführen ist, an dem ein unterschriebener Kaufvertrag steht. Vor diesem Moment steht eine Leere, die auf etwas gewaltsam Entrissenes hindeutet. Bei Woolf ist diese Leere von anderer Natur; sie deutet nicht auf einen konkreten Moment hin, sondern ist allem Anschein nach eine Konstante, die erdrückend über der Geschichte liegt.

 

Unrecorded gestures
Woolf befasst sich noch mit einer weiteren Ebene des Ausgelassenen. Sie wendet sich den Dingen zu, die stattfinden, wenn keine männliche Präsenz ablenkt oder behindert. Sie beschreibt, wie es sein könnte, in einem Buch zu lesen, das sich an die Arbeit macht, verlorene Lücken in unseren Erzählungen aufzufüllen und sich neuen Raum zu nehmen:

For I wanted to see how Mary Carmichael set to work to catch those unrecorded gestures, those unsaid or half-said words, which form themselves, no more palpably than the shadows of moths on the ceiling, when women are alone, unlit by the capricious and coloured light of the other sex. ( A Room Of One’s Own 82)

Wichtig bei diesen ‚unrecorded gestures‘ ist, dass sie ungezwungen sind und von allein entstehen, sobald der Raum für sie gegeben ist. Auch Baldwin geht kurz auf diesen hoffnungsvollen Moment in der Geschichte der Unterdrückten ein:

It is of quite considerable significance that black men remain, in the imagination, and in overwhelming numbers in fact, beyond the disciplines of salvation […]. There is, I should hazard, an instantaneous necessity to be divorced from this so visibly unsaved stranger […]; and, at the same time, there are few things on earth more attractive than the idea of the unspeakable liberty which is allowed the unredeemed. (Baldwin 16)

Woolf und Baldwin schaffen sich im Schreiben einen Raum, in dem sie eine andere Wahrnehmung oder Auffassung von etwas beschreiben, was Teil ihrer Kultur ist, wozu sie aber dennoch nur begrenzt Zugang haben, weil sie sich in einer unterdrückten Position befinden. Durch diesen begrenzten Zugang zeigen beide Lücken auf, die sich in Selbstbildern von Kulturen befinden und ergänzen mit ihrer Methodik ein Bild eines kulturellen Gegenstandes – wie eine Kathedrale oder eine Eliteuniversität – um weitere Aspekte. Baldwin und Woolf zeigen auch den wertvollen Gehalt einer Position ‚außerhalb‘, die Schattenseiten wahrnimmt und Gegenstände besser von mehreren Seiten beleuchten kann. Zusammen bilden sie einen Appell, so viele neue Aspekte wie möglich von vertrauten Gegenständen wahrzunehmen und somit weiteren Raum zu schaffen für immer mehr ‚unrecorded gestures‘, die mit in Kulturen einbezogen werden sollen. Dies wendet sich ab von einem starren Kultur- oder Zivilisationsbegriff, in den stark begrenzte Perspektiven aufgenommen werden und kein Raum für das Nicht-Verstehen oder die Ablehnung eines Mythos vorhanden ist. Ein Beispiel für eine solche Starre ist weiße Überlegenheit, die Baldwin wie folgt einordnet:

The idea of white supremacy rests simply on the fact that white men are the creators of civilization (the present civilization, which is the only one that matters; all previous civilizations are simply «contributions» to our own) and are therefore civilization’s guardians and defenders. (Baldwin, S. 24)

Betrachtet man kulturelle Texte und Gegenstände jedoch mit einer Methodik, die Woolf und Baldwin folgt, entsteht in einer Kultur eine Offenheit, vieles einzubeziehen und eine Gewilltheit, vieles einbeziehen zu wollen.

 

Bibliographie

Barthes, Roland: Mythologies, London. 1993. Aus dem Französischen von Annette Lavers.

Baldwin, James: Fremder im Dorf, Zürich 2012. Aus dem Englischen von Pociao.

Woolf, Virginia: A Room of One‘s Own. In: Woolf, Virginia: A Room of One‘s Own. London 2016, S. 3-110.

Woolf, Virginia: Three Guineas. In: Woolf, Virginia: A Room of One‘s Own. London 2016, S. 113-272.

Webinar THEATRE & COMMUNITAS Start: 25 FebruaryRead More