Parallelschaltung – eine Reaktion auf Gob Squads “Show me a good Time”

Text: Nina Seiler

«Thank you cables» – ein Ausspruch, der zwar unerwartet kommt, aber kaum treffender für die Zeit von Corona-Lockdowns sein könnte. Wo wären wir denn ohne die Kabel? Ohne technologischen Support wären wir nicht nur physisch, sondern tatsächlich sozial isoliert. So aber können wir – zumindest viele von uns – immer noch kommunizieren, uns hören und sehen. Und wir können auf dem Sofa zuhause ein Stück Außenwelt miterleben. Wir können eine Performance von Gob Squad sehen, «Show Me a Good Time», eine Aufforderung, die zugleich ins Leere und an jede:n der Involvierten geht. Und so dankt Sean Patten, der Performer, der alleine auf der Theaterbühne des Schlachthauses Bern steht, den anwesenden Kabeln dafür, dass sie ihn mit dem nicht/vorhandenen Publikum und seinen Mitperformer:innen verbinden.

Im Zeichen der digitalen Ko-Präsenz während dieses Live-Streams kann ich auf meinem Sofa husten, so viel ich will, und keine:r stört sich daran. Im Gegenteil, Sean, der sich nach dem Publikum sehnt, vermisst sogar das klandestin-ansteckende Husten mitten in einer bedeutungsvollen Pause. Das Feedback der Zuschauenden an die Performer:innen geht bei einem Stream, bei dem wir aufs Zuschauen reduziert sind, fast völlig verloren. Gob Squad stellen diesen Kontaktverlust ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Wie können wir uns noch verbinden und kommunizieren, wenn jede Person in ihrem eigenen Raum quasi eingeschlossen ist? Gelöst wird dies in der Performance mit Rückgriffen auf Passant:innen, die Performer Simon Will auf der Straße anspricht und per Video zu Sean in den leeren Theaterraum schickt. Oder mit Telefonanrufen von Zuschauenden, die ein Motto für die vergangene Stunde entwerfen. Es scheint, als sei das Empfinden der Ko-Präsenz auf definierte technologische Mittel konzentriert, deren Einsatz willentlich durchgeführt werden muss.

Und doch: «Thank you cables». Plötzlich ist die Präsenz nicht mehr nur weit entfernt, sondern da, rund um mich herum. Ich sitze in einem Wohnklotz, der von unzähligen Nerven durchzogen ist, die vor und hinter, unter und über mir durch die Wände gehen. Unzählige Wesen fließen in 0 und 1 aufgeteilt um mich herum, Katzenbabys, Bambussträucher, Menschen, Wale und Aliens kreuzen sich, zerstückeln und setzen sich wieder zusammen. «What happens when all the machines sleep?», fragt Simon sich vor dem Busdepot in Bern, und ich erschrecke plötzlich ab der Vorstellung, dieses ganze Netzwerk könnte auf einen Schlag wegfallen, die Maschinen könnten uns alleinlassen. Die Präsenz der verlinkten Technologie, die mich umgibt und die mich nie verlässt, erweckt zugleich eine schlummernde Unsicherheit: Schaue ich auch wirklich nur zu, oder «bin» ich ebenfalls da drin ohne es zu wissen, Opfer eines magischen Glitches, der mein müdes Gesicht auf eine Großleinwand im Schlachthaus projiziert? Dieses Unbehagen verstärkt sich, sobald ein Passant in die Kamera, oder besser gesagt nah daneben, blickt: Was sieht der eigentlich da? Wir schauen den Zuschauenden zu, doch wir sehen nicht, was sie sehen. Der sichtbare Raum verknotet sich im Unerreichbaren, wird zum Simulacrum. Und was passiert mit den Räumen von Sarah Thom und Sharon Smith, die eben auch gerade noch «da» waren, nun ausgelöscht für mein Auge aber dennoch präsent. Mit der Aufsplitterung der Raumoberflächen wird mein Sehen destabilisiert, die in zweidimensionale Facetten gestanzte Dreidimensionalität wiederum gestört und neu verknüpft.

Mit der Bindung an die Bildschirmoberfläche und ans Zusehen passiert auch eine Immobilisierung im Raum: Zwar bewege ich mich noch, doch ich bin durch meine Augen gefesselt an den Bildschirm, und keine Pausentaste erlöst mich. Es geht einfach weiter und weiter, und ich harre auf dem Sofa aus, aus Angst, etwas zu verpassen. Weniger diszipliniert ist die Person, die mit mir die Performance zu schauen beginnt: Schon nach wenigen Minuten löst sie den Bannspruch, steht auf, macht andere Dinge, zirkelt im Raum um mich und mein Interface herum. Irgendwann fällt mir auf, dass wir die kollektiven Handlungen in der Performance vorproduzieren. Kurz nachdem in meiner physischen Umgebung die Küche blitzblank geputzt wird, beugt sich Sarah über die Frontscheibe ihres Vans und reinigt mit Hingabe das ohnehin nicht ersichtlich schmutzige Glas; ebenso Sean, der einen Spiegel aus dem Inventar des Schlachthauses poliert. Später drapiert sich Sarah im Van in genau dieselbe liegende Pose, in der ich mittlerweile auf dem Sofa lümmle; wir sind bereits in der dritten Stunde der Performance. Wiederum beschleicht mich der Verdacht, irgendwie in den Raum der Zweidimensionalitäten vermittelt worden zu sein; doch zugleich reproduzieren wir einfach, was Abertausende von Menschen im letzten Jahr wieder und wieder und intensiver als üblich gemacht haben. Ich fühle mich gefangen vor dem Bildschirm wie Sean in seinem leeren Theater; strampelnd, ohne vom Fleck zu kommen. Seans Satelliten Sharon, Sarah und Simon, die in ihrer eigenen begrenzten Räumlichkeit die Care-Arbeit für Sean übernehmen, ihm den Kontakt zur Außenwelt einfüttern, übersetzen sich in meinem Raum in meine ko-präsente Person, die mich mit Keksen versorgt. So interagiere ich zwar nicht direkt mit den Performer:innen, doch die «good time», die sie da inszenieren, übersetzt sich in meine Lebensrealität, beschert mir einen Abend voll starren Leidens und geteiltem, sarkastischem Lächeln. Thank you cables.

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